Die Welt unter dem Wald

  • Hier eine ironische und gleichzeitig liebe Geschichte. Ich habe vor einiger Zeit wirklich mal so einen Traum gehabt. Hoffentlich kann ein Künstler damit etwas anfangen :);)
    (Der Titel ist variierbar, mir ist nix besseres eingefallen XD)









    Eigentlich begann dieser Tag wie jeder andere in Daisy’s Leben. Doch an diesem Tag sollte nichts so sein wie an jedem anderen. Um sechs Uhr stand die Barista auf und machte Frühstück für sich und ihre kleine Schwester Lola. Es war ein Samstag, also holte sie das Schokolademüsli aus dem Schrank und füllte es in eine kleine pinke Schüssel mit kleinen Einhörnern. In die zweite Schüssel, eine sandfarbene auf der in krakeliger Schrift stand: Führ die beste Schwester. Seit ihre Eltern vor vier Jahren bei einem Autounfall starben, kümmerte sich Daisy alleine um ihre sechs jährige Schwester und war wie eine Mutter für sie. Als sie im oberen Geschoss leises Fußgetrappel hörte, musste Daisy schmunzeln und trug ein Tablett mit den beiden Schüsseln, zwei Tassen mit Kakao und eine Packung Milch auf den kleinen Tisch, während Lola die Treppe herunter gehüpft kam. Ihr schulterlanges helles Haar war noch zerzaust und sie trug ihren hellvioletten Schlafanzug mit weißen Punkten. „Hey Prinzessin“, meinte Daisy und wuschelte Lola durch die Haare. Das kleine Mädchen grinste sie an und man sah deutlich, dass ihr ein Schneidezahn fehlte. Während Daisy ihr etwas Milch in die Schüssel führte, rutschte Lola unruhig auf ihrem Stuhl hin- und her. Kaum hatte Daisy die Milch wieder abgestellt, griff Lola nach ihrem Löffel und wollte gerade anfangen zu essen, als er ihr aus der Hand rutschte und in das Müsli platschte. Dadurch spritzte die Milch genau… in Lolas Gesicht. Die beiden Schwestern sahen sich ernst an, bevor sie nur wenige Sekunden später in schallendes Gelächter ausbrachen. „Du weißt, es ist Wochenende und ich habe den ganzen Tag frei. Also was willst du machen?“, fragte Daisy und wurde wieder ernst. Um über die Runden zu kommen musste sie Tag für Tag schuften und Lola in eine Kita. Aber schnell verdrängte Daisy die Gedanken wieder, immerhin war es Samstag. Lola schien tatsächlich kurz nachzudenken, obwohl die Antwort auf diese Frage immer dieselbe war. Wenn es nach der sechsjährigen gehen würde, dann würden sie jeden Tag in den großen Freizeitpark im Nachbarort. Doch an diesem Tag lautete ihre Antwort nicht „Wunschland“. Das Mädchen nahm einen Löffel von ihrem Müsli und meinte dann kauend: „Ich will in den Wald!“ Überrascht sah Daisy sie an, bevor sie dann, gleichzeitig verblüfft und erfreut, zustimmte. Lächelnd antwortete sie: „Kleine Waldfeen können aber nicht im Schlafanzug oder mit ungekämmten Haaren durch das Gebüsch fliegen“ Als hätte man ihr gerade etwas Lebenswichtiges gesagt, sprang Lola auf und raste die Treppen hoch, wobei sie einmal fast stolperte. Bei dem Gedanken, dass Lola jetzt wohl in ihrem Feenkostüm durch den Wald spazieren wollte, musste Daisy unwillkürlich grinsen, bevor sie ihrer kleinen Schwester langsam folgte. In dem kleinen Badezimmer machte sie Lola zwei Zöpfe und legte ihr eine Wanderhose mit abzipbaren Beinen und ein T-Shirt mit einem Schmetterling-Print raus. Danach schlüpfte sie selber in eine knielange beigefarbene Hose und ein rotes Tanktop. Es war Spätsommer, was bedeutete, dass in dem Wald wohl viele kleine Stechbiester sein würden. Deshalb sprühten sich die beiden noch kurzerhand ein, bevor sie in ihre Trekkingsandalen schlüpften und um halb acht leise die Tür ihrer Wohnung hinter sich schlossen. Man musste nicht lange durch die Stadt laufen, bis man an dem großen Wald angekommen war. „Also gehen wir einen Rundweg mitten durchs Gebüsch oder sollen wir lieber auf dem geteerten Hauptweg bleiben?“, fragte Daisy an ihre Schwester gewandt und blickte zu dem Wegweiser. Auf die Frage, wo man eher auf Feen treffen könnte antwortete Daisy nicht. Sie wollte, dass Lola endlich Entscheidungen unabhängig von Märchen und Fantasien traf. Nach zehn Minuten des quälenden Wartens, entschied sich Lola für den abenteuerlichen Rundweg. Als Daisy sie nach dem Grund fragte, schwieg sie. Auch wenn sie es ungern zugab, wusste Lola, dass Daisy ihrer Fantasien eigentlich eher abgeneigt war. Vielleicht redete sie genau deshalb so viel über Feen und ihre imaginären Freunde. Sie wollte die Grenzen austesten, aber kam das nicht erst in der Pubertät? Sie verheimlichte es zwar, aber Lola war ein hochintelligentes und dennoch kreatives Kind. Daisy machte sich oft Gedanken über die Zukunft ihrer Schwester, denn sie sorgte sich um sie. Anders als ihre Mutter hatte sie nicht wirklich Erfahrung mit kleinen Kindern und Daisy war selbst erst 18 geworden. Sie hatte Angst, Lola etwas Falsches beizubringen oder sie nicht richtig zu erziehen. Es machte nicht immer den Anschein, doch die Lage zwischen den beiden war sehr verzwickt. „Ich zeig uns den Weg“, meinte Lola und sah sich trotzig um. Wenn es eins gab, was sie verabscheute, dann war es das Gefühl, wenn man sie für unselbstständig hielt. Als Lola schon nach den ersten paar Metern den vorgegebenen Pfad verließ, folgte Daisy ihr mit einem Seufzen. Wie stur konnte man denn nur sein? Eine Weile lang achtete Daisy nicht auf ihre Schwester, sondern sah auf ihr Handy. Dort blinkte eine neue Nachricht von ihrer Chefin. Mit einem mulmigen Gefühl wischte Daisy die Nachricht zur Seite, um sie lesen zu können.
    Sehr geehrte Daisy Miller,
    aufgrund von sinkenden Einnahmen müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Sie nicht länger beim Happy Coffee Shop arbeiten können.
    Ihr Arbeitsvertrag läuft am 18. Oktober aus. Bis zu diesem Datum erhalten Sie selbstverständlich noch das gewohnte Gehalt.
    Genauere Informationen werden wir Ihnen am Montag bei der Besprechung erläutern.

    Wir bitten um Ihr Verständnis und wünschen Ihnen noch ein erholsames Wochenende
    Ella Möhringer, Jakob Pfänder

    Augenblicklich verfinsterte Daisy’s Blick sich. Es war eine Frechheit, so etwas per WhatsApp mitzuteilen. Aber sie durfte sich nichts anmerken lassen. Nicht jetzt, wo sie einen schönen Tag mit Lola verbringen wollte. Apropos Lola, wo war sie eigentlich? Als Daisy sie nirgendwo sehen konnte breitete sich Panik in ihr aus und sofort kamen ihr mehrere unwahrscheinliche und grausame Theorien in den Kopf. War sie entführt worden? Oder von einem Wildschwein attackiert und verschleppt? „LOLA! WO BIST DU?“, rief Daisy ängstlich und drehte sich mehrmals um die eigene Achse. Man konnte doch nicht einfach verschwinden, oder? „DAISY! Ich bin hier, das musst du dir ansehen!“, erklang die ferne Stimme und ein Stein fiel Daisy vom Herzen. Erleichtert rannte Daisy los und entdeckte ihre kleine Schwester einige Meter weiter. Sie saß am Rande eines etwa ein-zwei Meter großen Erdloches und ließ die Füße darin baumelten. In dem Loch war nichts außer Dunkelheit zu sehen. „Guck mal! Da wohnt bestimmt ein Tierchen… zum Beispiel eine Fee!“, meinte Lola aufgeregt und zeigte auf die Leere unter ihr. Mit gerunzelter Stirn beugte sich Daisy nach vorne um einen Blick auf das Erdloch zu erhaschen. Es war ungewöhnlich groß, vielleicht ja eine alte Fallgrube? Irgendwie fühlte Daisy sich beobachtet, also forderte sie ihre kleine Schwester auf, aufzustehen und weiter zugehen. Trotzig schüttelte Lola den Kopf und als Daisy sie am Arm packte, riss die sechs jährige sich los und ohne nachzudenken stieß sie sich ab und sprang genau in die Dunkelheit.
    Dann war sie weg.
    Panisch starrte Daisy in das Loch und schrie Lolas Namen. Keine Antwort. Es gab jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder würde sie Hilfe holen oder sie würde ebenfalls runterspringen. Doch es war keine Zeit lange zu überlegen, also trat Daisy einige Schritte zurück, holte Anlauf und schreiend sprang auch sie in die Tiefe.
    Sie konnte nicht sagen, wie lang sie fiel. Es konnten Bruchteile einer Sekunde, aber auch Stunden sein. Dunkelheit umhüllte sie und es war mucksmäuschenstill.
    Aus dieser Höhe konnte niemand einen Fall überleben. Als eine geraume Zeit vergangen war, schloss Daisy die Augen, obwohl das keinen Unterschied machte, hörte auf zu schreien und machte sich auf den Aufprall bereit.
    Doch anstatt kühlem Fels, grasbedecktem Waldboden oder feuchter Erde landete sie… auf einer weich gefederten Matratze. Bevor Daisy sich fragen konnte, was zur Hölle eine Matratze hier unten machte, wurde sie von einem hellen Licht umgeben.
    Das merkte sie sogar mit geschlossenen Augen.
    Als Daisy sich sicher war, dass sie nun nicht mehr im freien Fall war, öffnete sie wieder die Augen. Eine seltsame Gestalt beugte sich über sie. Es sah einem Menschen nicht einmal so unähnlich, aber es hatte große Glubschaugen und eine… Katzenschnauze und Katzenohren! War sie tot oder war das ein verrückter Traum? „Hallo! Dann musst du wohl Daisy sein“, sagte die Gestalt mit einem komischen Akzent, den Daisy noch nie gehört hatte. Unbeirrt fuhr das eigenartige Wesen fort: „Sicher bist du verwirrt. Lola war das ebenfalls bei ihrer Ankunft. Aber sei dir gewiss, dass von uns keine Gefahr ausgeht. Wir sind die Waldländer und leben unter dem Erdboden. Du und Lola habt eins unserer Tore zur Hochwelt gefunden, aber wo bleiben meine Manieren? Ich bin Donnie, ein Katzenmensch. Und bevor du fragst, ja hier gibt es andere Gestalten wie dort, wo du herkommst. Als Lola gestern ankam…“ Doch weiter kam dieser Katzenmensch, anscheinend Donnie nicht, denn mit hochgezogenen Augenbrauen fragte Daisy: „Gestern? Wir sind doch gerade erst gesprungen“
    Lächelnd sah Donnie sie an und meinte dann:
    „Die Zeit vergeht hier ganz anders. Ihr könnt eine Stunde hier sein und in der Hochwelt sind zwanzig Jahre vergangen. Genauso gut kann es aber auch andersrum sein. Wir haben keinen Leuchtball nach dem wir uns richten können. Wie auch immer, du bist jetzt hier. Komm, komm, ich zeig dir wo deine Schwester ist“
    Misstrauisch stand Daisy auf. Das war alles höchst eigenartig, denn jedem Kind wurde beigebracht, dass es nur Menschen, nur eine Welt und keine Katzenmenschen gab. Außerdem waren sie Eindringlinge und vielleicht stellten sie für die Leute hier eine Bedrohung dar. Aber noch wichtiger war es im Moment, Lola zu finden also folgte sie Donnie durch einige Gänge. Das Schloss oder das Gebäude war eigenartig: Die Wände waren aus einem rosafarbenen marmorartigen Stein und die Böden waren von strahlendem Weiß. Ja, einem taten fast die Augen weh, wenn man zu Boden blickte.
    Auf ihrem Weg kamen sie an vielen knallbunten Türen vorbei. Vor einer quietsch gelben blieb Donnie schließlich stehen.
    „Hier, da drin ist Lola“, erklärte Donnie und kramte einen Schlüssel hervor, mit dem sie die Tür aufschloss. Doch Daisy war gerade zu verwirrt um darüber nachzudenken, dass Lola wohl eingesperrt gewesen war.
    Als die Tür aufschwang erblickte Daisy einen großen Raum mit einem Himmelbett in der Mitte. Dort schlummerte Lola seelenruhig vor sich hin.
    Mit einem letzten Blick auf Donnie lief Daisy zu ihr und wollte sie sanft wach rütteln, als mit einem lauten Rums die Tür zufiel! Augenblicklich hob Daisy’s Blick sich.
    „Was soll das?“, schrie sie, doch es kam keine Antwort. Sie waren eingesperrt…
    Verzweifelt schüttelte Daisy ihre Schwester regelrecht durch, doch die rührte sich nicht. „Lola! Wach auf!“, rief Daisy und schüttelte sie erneut, bevor sie sich in dem Raum umsah. Auf einer Kommode stand ein kleiner Korb mit Essen.
    Ob es vergiftet war? Bei genauerem Hinsehen bemerkte Daisy ein seltsames Kraut, welches fürchterlich stank, als sie es aus einer dunkelblauen Tüte holte. Vielleicht würde das Lola ja aufwecken?
    Eilig griff Daisy nach dem Kraut, rannte zurück zu dem Bett und hielt es Lola unter die Nase, welche hustend und keuchend die Augen aufschlug.
    Als sie ihre Schwester erkannte fiel sie ihr um den Hals und begann leise zu schluchzen. Das einzige was Daisy verstand war: „Katzenmenschen… böse… Traum… Flucht… fliegen“ Sie versuchte Lola zu beruhigen und strich ihr über den Rücken.
    Das war nur ein Traum und sobald sie aufwachen würde, hätte sie ihren Job noch und wäre wieder frei.
    Nach einigen Minuten der Tränen und Umarmungen flüsterte Lola mit gesenkter Stimme: „Ich habe in meinem Traum gesehen, wie wir fliehen können. Aber der Plan wird dir nicht gefallen. Er ist waghalsig und riskant…“ Obwohl Daisy nicht einmal im Traum daran gedacht hätte, dass ihre kindliche Schwester solche Wörter kannte, bat sie sie weiter zu sprechen. „Es gibt hier ein Fenster und du erinnerst dich doch daran, dass ich früher immer Bienen von der Straße und aus Insektenfallen gerettet habe! Jetzt wollen sie sich revanchieren“, erklärte Lola und lief zu einem kleinen Fenster an der Ostseite. Sie würden gerade so hindurch passen, doch bei der Vorstellung, auf Bienen zu fliegen drehte sich Daisy’s Magen um. Seit ihrer Geburt war sie allergisch gegen diese Viecher und deshalb konnte sie Lolas Liebe zu diesen Tieren auch nie nachvollziehen. Früher hatte sie gesagt, Lola sollte sich von ihnen fern halten, doch irgendwie hatte die sechsjährige ein ganz besonderes Band zu diesen Tieren. Als sie nun am Fenster stand und begann zu singen, wie sie es immer tat, wenn sie draußen spielte, tauchten mehrere riesenhafte Bienen auf. Aber warum waren sie so groß? Als hätte Lola die Frage ihrer Schwester erraten, meinte sie: „Meinen Groß-und-stark-werde-Früchte-Tee habe ich damals… nein, verabscheue ich, deshalb leere ich ihn immer aus dem Fenster, wenn du im Bad bist. Aber hätte ich seine Wirkung gekannt…“
    Trotz der komischen Situation musste Daisy lachen.
    Jetzt kam der schwierigste Teil, sie musste vom Fenster auf den Rücken der Biene springen. Vorsichtig setzte sie sich auf das knallgrüne Fensterbrett und stieß sich ab. Fast hätte sie das riesige Insekt verfehlt, doch es flog schnell zur Seite um Daisy aufzufangen.
    Lola fiel das wesentlich leichter und gemeinsam trugen die Bienen sie davon. Hoch und immer höher und selbst von ganz oben konnte Daisy die wütenden Katzenmenschen sehen, wie sie mit ihren Schwänzen peitschten, die Ohren eng angelegt hatten und mit knallbunten Steinen nach ihnen warfen.
    Doch immer höher und höher flogen die Bienen, bis sie schließlich durch einen Loch flogen und die Schwestern sich wieder in dem Wald wieder fanden.
    Dort sprangen sie von den Bienen und grinsend schleppte Lola einen dicken Felsbrocken heran, um ihn durch das Loch zu werfen. Selbst wenn es einen Katzenmensch getroffen hätte, hätte man den Schrei nie gehört und vielleicht würde der Fels ja auch erst morgen dort aufkommen.


    Nur wenige Tage später erhielt Daisy eine Gehaltserhöhung und ließ das Loch so gut wie möglich schließen. Während die beiden Schwestern ihr Leben lebten, fluchten unten die Katzenmenschen. Und als zehn Jahre später Lola ihren ersten Freund im Wald küsste, meinte sie einen ganz leisen Schrei gehört zu haben. Dann war wohl jetzt der Felsbrocken gelandet…


    -Freya M.